04.08.2012 Drucken Empfehlen
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Das Bild unseres Begehrens

Vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe

Vordergründig geht es hier um Männer. "Mad Men", eine der großartigen US-Serien, die derzeit zu sehen sind, zeigt sie im New York der 60er.

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MAGDI ABOUL-KHEIR <TAB><TAB><TAB> LENA GRUNDHUBER

Smarte Werbeleute, in der Hand den Drink, im Mund die Marlboro, auf dem Schoß eine Sekretärin. Von denen gibt es jede Menge in der Agentur, hübsche Puppen mit Pumps und Lippenstift und diesem leicht lasziven Marilyn-Lächeln.

Artikelbild: Vor 50 Jahren starb Marilyn Monroe Das Objekt der Begierde: die Erotik-Ikone schlechthin singt in den 50ern US-Soldaten ein Ständchen. Die Aufnahmen von Mark Anderson sind erschienen in Lois Banners "Das private Archiv von Marilyn Monroe" (Knesebeck Verlag).

Doch eines Tages finden diese Männer ihre Mädchen weinend, vereint in einer feindseligen Trauergemeinschaft, die sich ihnen nicht erklärt. Eine wird es schließlich tun: "This world destroyed her", faucht Joan. Diese Welt - diese Männerwelt - hat sie zerstört. Marilyn Monroe ist nicht nur tot, sie wurde getötet. Weil Blicke das können.

Denn der Mythos Monroe, gleichermaßen eine Ikone des Kinos und ein Symbol der Sexualität und Sinnlichkeit im 20. Jahrhundert, ist vor allem eines Geschichte der Blicke und der Projektion, des Bildes und des Abbildes. Und somit erzählen die Geschichte der missverstandenen, traurigen, oft leidenden, am 5. August 1962 im Alter von nur 36 Jahren gestorbenen Norma Jeane Baker und die Geschichte der unsterblichen Leinwandgöttin Marilyn Monroe auch immer etwas von - meist männlichen - Perspektiven, Wünschen, Träumen, Trugbildern.

Schein und Sein, selten war die Diskrepanz schmerzhafter als in dieser Biografie: Die Monroe war zerrissen zwischen ihrer Rolle als Sex-Symbol im Glitzer und Glamour Hollywoods und dem vergeblichen Sehnen nach privater Geborgenheit.

Ihr Leben klingt wie das Märchen vom Aschenputtel, nur ohne echte Prinzen und ohne Happy End. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, als uneheliches Kind einer Filmcutterin verbrachte sie Jahre bei Pflegeeltern und im Waisenhaus. Sie arbeitete in einer Rüstungsfabrik, als sie 1945 als Fotomodell entdeckt wurde. Als sie sich zum Star wandelte, würde für das Image der strahlenden Schönheit die Biografie retuschiert: Weder war damals von der psychisch kranken Mutter die Rede, noch war etwas von ihren eigenen gynäkologischen Leiden (Endometriose) bekannt.

Und ihre Männer? Mit 16 wurde sie schon verheiratet, mit dem Nachbarn James Dougherty, der alsbald zum Militär eingezogen wurde; die Ehe wurde nach vier Jahren geschieden. Nur neun Monate war sie mit dem groben, eifersüchtigen Baseballstar Joe DiMaggio verheiratet. Ihre Ehe mit dem Schriftsteller Arthur Miller? Ein knapp fünf Jahre andauerndes Missverständnis mit drei Fehlgeburten und viel Streit. Und was wirklich dran ist an den Affären und Verhältnissen, etwa mit John F. Kennedy und dessen Bruder Robert - die Wahrheit lässt sich kaum ergründen. Doch trugen saftige Klatschgeschichten schon zu ihren Lebzeiten weiter zur Legendenbildung bei und verfestigten das Image der Erotikgöttin, der kein Mann widerstehen konnte.

So sehr sie selbst darunter gelitten hat, so hat sie doch mitgearbeitet an diesem Bild - an diesem Erscheinungsbild. Als sie sich mit 20 nach Hollywood aufmachte und fortan Marilyn Monroe nannte, war das eine Kunstfigur, die sie mit Hilfe eines Visagisten schuf: blondiert, mit vollen Lippen und betörendem Augenaufschlag. Nicht nur eine visuelle Kunstfigur, auch ein Kunstcharakter, ein Typ: der Vamp, naiv, etwas einfältig, aber enorm sexy.

Auf der Leinwand brauchte sie einige Jahre, um diesen Typus zum Leuchten zu bringen, ins Zentrum zu rücken. 1953 kamen drei Filme heraus, mit denen sie sich als Ideal des männlichen Begehrens definierte - oder durch die sie definiert wurde: der Thriller "Niagara" sowie die fast programmatisch zu nennenden Komödien "Blondinen bevorzugt" und "Wie angelt man sich einen Millionär?". Da hauchte sie "I Wanna Be Loved By You" ins Mikrophon, und alle Männer wünschten sich nichts sehnlicher als das.

Es war dann Billy Wilder, der gleichermaßen ironisch wie doch auch wollüstig mit ihrem Sex-Image spielte: In "Das verflixte 7. Jahr" ließ er ihr von der Abluft eines U-Bahn-Schachtes das Kleid hochflattern, und in der turbulenten Verwechslungskomödie "Manche mögens heiß" ist sie die Einzige, die ganz bei sich bleibt. Später, nach anstrengenden Dreharbeiten mit einer trunkenen Schauspielerin, die ihren Text nicht konnte, lästerte Wilder: "Aus Marilyn Monroe eine gute Leistung herauszuholen, ist so schwer wie Zähne ziehen." Aber doch ist sie, gerade in "Manche mögens heiß", viel mehr als nur ein personifizierter Blondinenwitz: nicht nur naiv, sondern auch warmherzig; nicht oberflächlich, sondern verletzlich; nicht nur erotisch-lasziv, sondern verträumt; und zudem urkomisch.

Daran wird deutlich, wie arg sie reduziert und limitiert wurde, wie sehr die Monroe-Maske sie einengte. Sie wusste um das Image und um den Preis, den sie dafür zahlte: "Insgeheim habe ich immer das Gefühl gehabt, nicht vollkommen ,echt zu sein. Ich glaube, jeder Mensch fühlt das von Zeit zu Zeit. Aber in meinem Fall geht das so weit, dass ich manchmal denke, ich sei nur ein Kunstprodukt."

Doch als solches - mit ihrem Lächeln, ihren Kurven, ihren Bewegungen - wurde sie von der Kamera geliebt, wurde sie vom Publikum verehrt, ja vergöttert. Und es ist dieses Bild, das ewig bleiben wird. Denn als sie vor 50 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten (es gibt dazu allerlei Verschwörungstheorien) starb, war es just dieser unzeitige Tod, durch den sich unser Monroe-Bild konserviert hat: Sie ist vor unseren Augen niemals gealtert. Wir sehen sie noch immer so, wie Regisseure sie inszeniert, wie Fotografen sie ins rechte Licht gerückt haben.

Ja, Blicke können töten. Und es sind männliche Blicke, die den Mythos Monroe geprägt haben. So ist es eine fiese Pointe, dass es just Hugh Hefner - als "Playboy"-Gründer ein großer Profiteur und Ausbeuter dieser männlichen Sichtweise - war, der sich vor drei Jahren eine Grabstelle neben der Kinolegende kaufte: "Wer will nicht bis in alle Ewigkeit neben Marilyn liegen?".

04.08.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 28.09.2012 - 10:20 Uhr

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