Von "Dracula" bis "Twilight": Der ewige Erfolg der Kino-Vampire
Vampire sind die Untoten der Unterhaltungskultur: Weder im Kino noch auf dem Buchmarkt sterben sie aus. Selbst wenn die "Twilight"-Saga nun den blutig-erotischen Gehalt dieses Horror-Mythos verwässert.
Anzeige
MAGDI ABOUL-KHEIR
Urahn aller Film-Vampire: Max Schreck in F.W. Murnaus "Nosferatu" (1922).
Da hat man sich ja wieder schön was aus den Fingern gesaugt. Pünktlich zum Start von "Eclipse", des neuen "Twilight"-Films, wird verkündet, die Vampir-Rolle könnte Schönling Robert Pattinson im Blut liegen. Die Ahnenforscher von ancestry.de behaupten, der Akteur sei - über das britische Königshaus - verwandt mit Vlad III Draculea, der Bram Stoker als Vorbild für die literarische Figur diente.
Dumm nur, dass dieser walachische Herrscher aus dem 15. Jahrhundert gar kein Blutschlürfer war, sondern nur ein übler Wüterich, der besonders das Pfählen schätzte. Ohnehin setzt sich der Vampir-Mythos aus viel mehr Quellen zusammen: aus Sagen, Aberglauben und Zoologie. Stoker verarbeitete dann in "Dracula" (1897) all das Material und schuf die zentralen Elemente der Nachtgestalten-Mythologie mit Schloss und Sarg, Kruzifix, Knoblauch und Fledermäusen.
Das Kino entdeckte das Schauerpotenzial früh. Schon 1922 gelang F. W. Murnau mit dem Stoker-Plagiat "Nosferatu" eine grandiose "Symphonie des Grauens". Hollywood drehte 1930 den ersten Tonfilm-"Dracula": Der Ungar Bela Lugosi verlieh der Figur exotisches Geheimnis und theatralische Gestik. Typisch für den Vampir-Kult ist daran, wie Lugosi die diffuse Furcht vor dem Fremden, zugleich dessen erotische Anziehungskraft spiegelt.
Komödiantische Variante: Roman Polnaskis "Tanz der Vampire" (1967).
Wehende Gardinen und wehrlose Jungfrauen, bleiche Gesichter, mysteriöse Bissmale und dekorative Blutstropfen: Der Kino-Vampirismus hat eine eigene Ikonografie zwischen Gothic Horror, Melodram und Sittengemälde entwickelt, die immer wieder fortgeschrieben und erweitert wurde. Christopher Lee, der berühmteste Leinwand-Dracula, trat 1958 den Dienst an. Er kombinierte alarmierende Eleganz mit sexueller Energie und brachte es auf neun Spitzzahn-Einsätze.
"Vampire gegen Herakles", "Teenager Space Vampires", "Dracula (beißt jetzt) in Oberbayern" - der Stoff war für krudeste Genre-Mixturen gut, insgesamt traten Vampire in mehr als 300 Kinofilmen in Erscheinung, von TV-Produktionen wie "Buffy" gar nicht zu reden. Natürlich war das Thema auch für beißenden Humor, Hommagen und Parodien gut, vom "Tanz der Vampire" bis zur "Liebe auf den ersten Biss".
Nicht zuletzt der Sex-Film entdeckte die geilen Beißer, siehe "Vampyros Lesbos" und "Das Lustschloss der grausamen Vampire". Selbst Christopher Lee bekam es mit dem enthemmten Treiben zu tun: "Dracula jagt Mini-Mädchen" anno 1972. Der sexuelle Subtext ließ sich nämlich - geht es doch um Körpersäfte, Eindringen und die Ambivalenz von Lust und Schmerz - vielfältig variieren. Fetisch, SM, Homoerotik, da ist alles drin. Schon Stokers Dracula biss auch Männer, und Sheridan Le Fanus Gruselklassiker "Carmilla" schilderte schon 25 Jahre vor Stoker eine lesbische Vampirin.
Die Mär vom Blutsauger ist einfach nicht totzukriegen: Weil sie sich immer wieder in neue soziale oder psychologische Zusammenhänge stellen, sich immer wieder anders metaphorisch aufladen lässt. Da steht der Beißer mal für ökonomische Gier, mal für existenzielles Elend, mal wird er zum Vorboten der Apokalypse. Vampire verkörperten Black Power ("Blacula"), Aids-Ängste ("Near Dark") und feministische Stärke ("Durst").
Neuzeitlicher Blutsauger weit weg von Transsylvanien: Robert Pattinson in "Eclipse".
Stetig gibt es Anläufe, diesen Mythos neu zu ergründen, die Erzählung neu zu begründen - man denke nur an Francis Ford Coppolas Ausstattungsoper von 1992 oder die Tex-Mex-Schlachtplatte "From Dusk Till Dawn" (1996). Auch die Roman-Zyklen von Anne Rices "Chronik der Vampire" bis Stephenie Meyers "Twilight" versuchen, den Vampirismus mit frischem Blut zu versorgen, ihm andere Perspektiven abzugewinnen, ihn umzudeuten.
Die Mormonin Meyer stellt dabei den Mythos mit ihrem christlich-keuschen Romantizismus auf den Kopf. Sie domestiziert ihn als Pubertäts- und Adoleszenz-Allegorie: Küssen verboten, um vom Beißen und anderen schlimmen Sachen gar nicht zu reden! Doch selbst Meyer schafft es eben nicht, dem erotischen Bann zu entfliehen, der dem Vampir-Mythos innewohnt. Kein Wunder: Schließlich ist auch sie - das wissen wieder die Ahnenforscher von ancestry.de - wie Pattinson, nur um noch ein paar Ecken mehr, mit Vlad Draculea verwandt.