"The Hurt Locker" räumt ab - "Das weiße Band" geht leer aus
Kein Durchmarsch von "Avatar". "Das weiße Band" leer ausgegangen. Aber der erste Regie-Oscar für eine Frau. Und endlich die höchste Ehrung für den Dude. Anmerkungen zur 82. Oscar-Verleihung.
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MAGDI ABOUL-KHEIR
The Hurt Locker
"Schaut Euch den Film doch erst mal an und entscheidet dann, ob ich wirklich so schlecht war. Wenn nicht, komm ich in einem Jahr wieder vorbei und bring den Preis zurück!" Also sprach Sandra Bullock. Aber nein, nicht zur Oscar-Zeremonie, sondern zur Verleihung der Goldenen Himbeere, da war die 45-Jährige für "Verrückt nach Steve" als schlechteste Darstellerin ausgezeichnet worden. 24 Stunden später das andere Extrem: Die Bullock erhielt den Oscar als beste Schauspielerin, für das rührselige Sportlerdrama "Blind Side".
Eine populäre, fleißige, unprätentiöse Aktrice wurde da im Kodak Theatre von Los Angeles ausgezeichnet. Seit ihrem Durchbruch mit "Speed" (1994) hat sie sich mit allerlei Komödien, Melodramen und der Darstellung starker Frauen in oft nicht so starken Filmen eine Karriere erarbeitet. Eine Sympathieträgerin, und sie wurde ihrem guten Ruf in der Branche gerecht, als sie sich bei ihren vier Oscar-Konkurentinnen sehr herzlich bedankte.
Bereits 1993 hatte Sandra Bullock den Thriller "Spurlos" an der Seite von Jeff Bridges gedreht - der war schon damals ein Großer. Jetzt wurde der 60-Jährige in der Oscar-Nacht endlich auch dieser Größe entsprechend gewürdigt: mit Standing Ovations und dem Hauptdarstellerpreis für "Crazy Heart". 1971 war er erstmals nominiert, seitdem hat er die Kinofans immer wieder mit Charme, Charisma und Vielseitigkeit begeistert: etwa in "Die fabelhaften Baker Boys", "König der Fischer" und als cooler Schluffi "The Dude" in "The Big Lebowski". Eine Oscar-Vergabe, der auch die vielen Millionen TV-Zuseher, die live die Show verfolgten, applaudierten.
Favoriten-Erfolge also bei den Schauspielern, auch in den Nebenrollen. Aber was heißt schon Nebenrolle bei Christoph Waltz unvergesslichem Auftritt als fies verführerischer SS-Offizier Hans Landa in "Inglourious Basterds". Der heftigste Witz der mauen Oscar-Moderatoren Steve Martin und Alec Baldwin ging auch in Richtung des Österreichers: "Waltz hat einen Nazi gespielt, der davon besessen war, Juden zu finden", sagte Martin. "Nun, Christoph", sagte der Gastgeber mit einer weit ausholenden Geste über das Hollywood-Publikum.
Waltz dankte Regisseur Quentin Tarantino für seine "unorthodoxen Methoden der Navigation" durch den unorthodoxen Kriegsfilm, aber seine Navigation funktioniert seit dieser Rolle ohnehin sehr gut: In Hollywood stehen ihm jetzt viele Türen offen. Mit Cameron Diaz hat er schon einen Film abgedreht, jetzt stehen Produktionen mit Reese Witherspoon und Kevin Costner an.
Waltz Oscar blieb der einzige Preis für "Inglourious Basterds". Die Academy zeigt bekanntlich selten den Mut, radikales Kino zu belohnen, aber immerhin gab sie nicht der Kassenwucht von "Avatar" nach, sondern zeichnete "The Hurt Locker" als besten Film aus.
Der erzählerisch konventionelle "Avatar", der durch seinen beispiellosen finanziellen Erfolg, aber auch durch seine 3D-Sogkraft in die Kinogeschichte eingehen wird, erhielt drei Oscars. "The Hurt Locker" wurde sechsmal ausgezeichnet, darunter waren auch Hauptpreise für Regisseurin Kathryn Bigelow und das Drehbuch. Der Streifen schildert nervenaufreibend realistisch und intensiv die Geschichte von Bombenentschärfern im Irak. Freilich ist "The Hurt Locker" in der 82-jährigen Oscar-Geschichte der erfolgloseste "Beste Film" an den US-Kinokassen. In Deutschland war er im Spätsommer von den Zuschauern fast völlig ignoriert worden, wohl nicht zuletzt wegen seines pseudo-reißerischen Dutzendtitels "Tödliches Kommando".
Mit Kathryn Bigelow erhielt nun erstmals eine Frau den Regie-Oscar - die erste Regisseurin, die einen Oscar bekommt, ist sie aber nicht. Die gab es schon in der Kategorie "bester nicht-englischsprachiger Film, etwa Caroline Link.
Apropos fremdsprachiges Kino: Michael Hanekes Drama "Das weiße Band" gewann diesen Oscar doch nicht, der ging nach Argentinien. Aber Haneke hatte ja schon zuvor auf dem roten Teppich angemerkt, dass die Goldene Palme in Cannes für ihn eine größere künstlerische Anerkennung bedeute als ein eventueller Oscargewinn.