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Von wegen Filme wie Grabsteine

Schmid, Petzold, Dörrie: Deutsches Kino überzeugt auf der Berlinale

Petzold, Schmid, Glasner - die deutschen Filmemacher im Berlinale-Wettbewerb sind gute Bekannte. Viel zu gute Bekannte, wurde im Vorfeld kritisiert. Doch bislang überzeugt das deutsche Kino.

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MAGDI ABOUL-KHEIR

Berlin Ein weißer nackter Hintern am roten Teppich. So tat Kino-Grobian Klaus Lemke seine Meinung kund: über das deutsche Kino im Allgemeinen und das deutsche Kino auf der Berlinale im Besonderen.

So direkt drückten es Kritiker nicht aus, als vor der 62. Berlinale die deutschen Wettbewerbsbeiträge bekannt wurden, aber viel gnädiger auch nicht: Petzold, Schmid, Glasner - gähn! Denn diese Filmemacher sind gute, ja beste Berlinale-Bekannte. Hans-Christian Schmid ist zum vierten Mal im Wettbewerb, Christian Petzold zum dritten, Matthias Glasner zum zweiten.

Und dann der Inhalt! Erstens das Leben und Leiden einer Ärztin in der DDR-Provinz. Zweitens die Geschichte einer Familie, die zusammenbricht. Drittens das Schicksal eines Auswanderer-Paares, das mit alter Schuld konfrontiert wird. Deutsches Befindlichkeitskino mal drei!

Also genau solche Themen, wie sie das in nicht allzu großen Ehren verwitterte Kino-Urgestein Lemke wohl verabscheut. Wir Deutschen hätten "die besten Autos, die schönsten Mädchen und Filme wie Grabsteine", moserte er. Aber vielleicht war er auch nur beleidigt, weil er in den vergangenen sieben Jahren stets vergeblich Filme auf der Berlinale eingereicht hat.

  Nun, Festival-Chef Dieter Kosslick hat es nicht so mit dem groben Lemke, sondern eher mit Petzold, Schmid und Glasner. Zum Thema Stammgäste sagt er: "Natürlich hat ein Festival nicht nur die Verpflichtung, Autoren und Regisseure zu pflegen, sondern empfindet auch eine künstlerische Solidarität - neben der Aufgabe, neue Filmemacher zu finden und etablierte Regisseure zu zeigen. Aber wir würden das nicht machen, wenn uns die Filme nicht gefallen würden." Zudem haben alle Drei bereits Bären-dekoriertes gedreht: "Yella" (Petzold), "Requiem" (Schmid) und "Der freie Wille" (Glasner).

Das war oft schwere, harte Kost, "Filme wie Grabsteine" waren es aber nie. Und 2012 gehören die deutschen Beiträge bislang allemal zu den lebendigsten im Wettbewerb. So präsentierte Schmid gestern "Was bleibt". Darin wirft er sezierende, aber verstehende Blicke auf eine Familie, die zum Wochenende zusammenkommt. Die Mutter bekämpft seit 30 Jahren ihre Depressionen mit Tabletten, der Vater hat eine Geliebte. Einem Sohn gelingt es nicht, sich vom übermächtigen Papa zu befreien; mit seiner Arztpraxis ist er fast pleite. Der andere Sohn steht vor den Trümmern seiner Beziehung. Als die Mutter erklärt, keine Antidepressiva mehr zu nehmen, brechen die Risse vollends auf, offenbaren sich Schwächen, Ängste, Feigheit, Abhängigkeiten. Am Schluss ist Schlimmes geschehen - und geht es eben doch weiter. Das klingt konstruiert, aber Schmid fügt alles psychologisch schlüssig zusammen, nicht zuletzt dank des starken Ensembles um Corinna Harfouch und Lars Eidinger.

  Petzolds "Barbara" betrachtet die (zwischen-)menschliche Seite der deutsch-deutschen Geschichte. Petzold-Dauerstar Nina Hoss verkörpert eine Ärztin, die 1980 in die DDR-Provinz verbannt wird - sie hatte einen Ausreiseantrag gestellt, weil sie zu ihrem West-Geliebten ziehen will.

Am neuen Arbeitsplatz, einer Kinder- und Jugendklinik nahe der Ostsee, gibt es zwar einen netten Kollegen, aber Barbara weiß um die Bespitzelung, zieht sich in sich zurück. Erst zwei schwere Fälle, körperlich und seelisch verletzte Jugendliche, involvieren sie - während sie aber auch ihre Flucht in die BRD vorbereitet. Das Geschehen spitzt sich dramatisch zu, Barbara gerät in emotionale und ethische Konflikte, ringt sich zu einer radikalen Entscheidung durch.

Petzold ist wie immer in Wort und Bild genau, alles ist durchkomponiert, meisterhaft weiß er mit Räumen - auch seelischen - umzugehen. Doch wo er früher mehr im Ambivalent-Schwebenden, sogar im Geisterhaft-Geheimnisvollen blieb, ist er nun eindeutiger - das kann man in Petzolds reicher Kinonarration auch als Verlust empfinden. Unterm Strich bleibt "Barbara" aber ein sehenswerter Film mit einer wundervollen Nina Hoss. Fehlt von den deutschen Wettbewerbsfilmen nur noch Glasners "Gnade", der morgen Premiere feiert - sein schockierendes Vergewaltiger-Drama "Der freie Wille" (2006) ist auf dem Festival unvergessen.

 Zu sehen war dagegen gestern erstmals Doris Dörries "Glück" - als "Berlinale Special". Die 56-Jährige hatte ja erst kürzlich kritisiert, der Wettbewerbsfilm entferne sich vom Publikumsfilm. So soll "Glück" wohl Letzterer sein. Ihr heftiges Liebesstück (nach einer Krimierzählung Ferdinand von Schirachs) wird Kritik und Publikum spalten: Die Geschichte zweier gesellschaftlicher Randfiguren, die aneinander Halt finden und durch einen schrecklichen Zufall in Extremsituationen kommen, überzeugt durch Dörries fast schamlosen Mut, von elementaren Gefühlen erzählen zu wollen. Das könnte für manche jenseits der Kitsch- und Realitätsgrenze liegen, bietet aber dem, der sich einlässt, eine aufwühlende Kinoerfahrung.

Sicher ist: Wie ein Grabstein ist auch dieser Film nicht.

15.02.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 20.02.2012 - 10:11 Uhr

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