Nina Hoss über Filme, Theater und die Mitternachtssonne
Die Schauspielerin Nina Hoss stand in Finnland für den Spielfilm "Fenster zum Sommer" vor der Kamera und reiste an den Bodensee - nicht um dort Urlaub zu machen, sondern Theater zu spielen.
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JÜRGEN KANOLD
In Finnland drehte Nina Hoss "Fenster zum Sommer". Foto: Peter Langer
Eine Schauspielerin "in Höchstform" haben die lokalen "Vorarlberger Nachrichten" gesehen. Nina Hoss zeichne eine Figur, "die beständig am Rande des Wahnsinns wandelt". Auf der Bühne. Aber völlig normal, aufgeräumt, undivenhaft wartet die Schauspielerin im Hotel Weißes Kreuz auf den Interviewer, der sich im Endlosstau nach Bregenz verspätet hat. Sommer am Bodensee. Als Kind ist die geborene Stuttgarterin dort viel geradelt, jetzt lebt sie in Berlin. Mit dem Deutschen Theater gastierte sie bei den Festspielen, mit Lukas Bärfuss "Öl". Der erste Bühnenauftritt nach den Theaterferien für die 35-jährige Nina Hoss - seit der Hauptrolle in "Das Mädchen Rosemarie" und "Die weiße Massai" eines der bekanntesten Gesichter des deutschen Films. Aber wie kommt eine Schauspielerin eigentlich so durch den Sommer? Gute Frage.
Den Rollentext hatten Sie in den Ferien nicht vergessen?
NINA HOSS: Wir waren alle etwas aufgeregt vor der ersten Aufführung. Wenn man lange nicht gespielt hat, geht man auf die Bühne und denkt: Mein Gott, wie ging das noch mal? Aber man fängt in den Ferien rechtzeitig an, den Text zu memorieren.
Ende Juni hatten die Fernsehzuschauer Sie noch auf einer ganz anderen Bühne gesehen, im Berliner Reichstag bei der Bundespräsidentenwahl. Sind Sie politisch?
HOSS: Schon zum zweiten Mal hatten mich die Grünen als Wahlfrau eingeladen, ich nahm aber die Lorbeeren für meinen Vater Willi Hoss entgegen, der für die Grünen einst dem Bundestag angehört hatte. Das zeigt mir, dass seine politische Arbeit etwas hinterlassen hat. Ich selbst gehöre keiner Partei an.
Der Vater ein streitbarer Gewerkschafter, die Mutter Heidemarie Rohweder eine Schauspielerin und spätere Intendantin der Württembergischen Landesbühne. Da wurde zu Hause sicher heftig diskutiert?
HOSS: Die haben sich gegenseitig gefördert, herausgefordert. Mein Vater las nie Romane, sondern nur Sachbücher. Meine Mutter aber sagte, nein, wenn du die Menschen zusammenführen, sie bewegen willst, musst du etwas von unserer Kultur verstehen und auch Romane lesen. So kam er zur Kunstwelt. Das war ja in den 70er Jahren, Claus Peymann war Schauspieldirektor in Stuttgart, eine aufregende Zeit. Als Kind steckte ich mittendrin, ohne wirklich zu wissen, um was es geht.
Sie standen für viele Dramen mit politisch engagierten Stoffen vor der Kamera, zuletzt auch in Max Färberböcks "Anonyma", dem verfilmten Tagebuch einer Frau, die am Ende des Zweiten Weltkriegs Opfer der Massenvergewaltigungen der Roten Armee geworden war.
HOSS: Das stimmt, aber nicht nur. Aber natürlich reizt mich es, gerade schwierige Rollen anzunehmen, der Figur auf den Grund zu gehen, ihr ein Gesicht zu geben. Und die Zusammenarbeit mit Christian Petzold, zuletzt "Jerichow" - ja, der ist natürlich ein politischer Filmemacher. Seine Themen treiben mich um.
Wie heißt Ihr nächster Film?
HOSS: "Fenster zum Sommer" in der Regie von Hendrik Handloegten. Er ist noch nicht fertig, wir haben im Juli den Sommer-Teil in Finnland gedreht, der Winter-Teil kommt noch. Mark Waschke, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger waren dabei, alle drei sind mit mir in der selben Schauspielklasse gewesen. Das war natürlich interessant und großartig, wenn man sich nach so langen Jahren wieder trifft.
Welche Geschichte erzählt der Film?
HOSS: Eine Frau wacht im Sommer auf und stellt fest, dass sie in den Winter zurückgeworfen wurde. Es ist kalt und sie ist wieder mit einem Mann zusammen, den sie schon verlassen hatte. Eine Vergangenheit, die sie schon abgelegt hatte, ist wieder vorhanden. Sie muss sich in diesem sonderbaren Leben zurechtfinden, verstehen, was mit ihr passiert ist. Sie versucht, das Schicksal herauszufordern. Vielleicht kann sie jetzt noch einmal Dinge ändern, die sie damals vernachlässigt hatte.
Wie halten Sie es persönlich mit den Jahreszeiten?
HOSS: Gefallen mir alle. Mir ist nur der Winter in Berlin zu lang, weil er so grau und regnerisch ist. Einen richtigen Winter finde ich wunderschön, aber ich mag auch die Hitze gern.
Und wie erlebten Sie bei den Dreharbeiten im Juli die finnische Mitternachtssonne?
HOSS: Dieses unglaubliche Licht, diese Helligkeit macht viel mit einem. Für uns war diese Woche in Finnland wie ein Rausch, du bekommst permanent Energie, du merkst richtig, was die Sonne mit deinem Körper macht, du kannst nicht abschalten, du denkst, du musst ständig unterwegs sein, weil es immer hell ist. Das gibt einem viel Kraft für die Arbeit, aber du kannst das nicht lange durchhalten.
Zurück in den mitteleuropäischen Sommer. Bei den Salzburger Festspielen spielten Sie 2005 und 2006 die Buhlschaft im "Jedermann". Das traditionsreichste Sommertheater. Waren das Theaterferien der etwas anderen Art?
HOSS: Im ersten Jahr war ich leicht überfordert, diese ganze Aufmerksamkeit, die einem entgegenschlägt. Was man da für ein Aufhebens macht in den Medien um diese Rolle der Buhlschaft im "Jedermann". Und weil ich keine Österreicherin bin, stand ich noch unter besonderer Beobachtung. Da war ich gestresst. In der zweiten Saison war ich davon völlig losgelöst, weil ich spielte, wonach mir war, ich war mit mir und der Rolle im Reinen. Da machte es großen Spaß.
Das war dann doch Sommertheater in Salzburg?
HOSS: Du springst morgens in einen See, ziehst dich an, fährst auf den Domplatz und spielst den "Jedermann". Traumhaft.
Was steht jetzt auf Ihrem Terminplan?
HOSS: Am Deutschen Theater habe ich mit Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" am 15. Oktober Premiere, Stephan Kimmig führt Regie. Bald beginnen die Proben. In Zürich am Schauspielhaus spiele ich dann noch einmal die Medea. Ja, und Mitte Oktober kommt ein neuer Film von mir ins Kino: "Wir sind die Nacht" von Dennis Gansel, dem Regisseur der "Welle".
Mal kein Drama der Zeitgeschichte?
HOSS: Ich spiele eine böse Vampirin, die sich in ein junges Mädchen verliebt - und die Vampirin beißt auch zu.