Licht und Schatten: Die Geschichte des größten deutschen Studios in Babelsberg
100 Jahre Filmstudio Babelsberg - darin spiegeln sich auch 100 Jahre deutsche Geschichte: Triumphe und Abgründe. Politik und Geld sind dabei mindestens ebenso bedeutend wie Kinokunst und Filmhandwerk.
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MAGDI ABOUL-KHEIR
Mit 16 Studios und vielen Dienstleistern ist Babelsberg der größte zusammenhängende Studiokomplex Europas. Seit 100 Jahren wird hier Filmgeschichte geschrieben, früher entstanden Klassiker wie "Metropolis", "Der blaue Engel" und "Die Geschichte von Paul und Paula".
Babelsberg Vor ein paar Tagen erst hat sich Weltstar Tom Hanks im Gästebuch verewigt: "Babelsberg! Hierher zu kommen, um in Deinen historischen Studios zu drehen, war die Fantasie eines Filmstudenten, die für den erfahrenen Filmemacher zur Wirklichkeit wurde. Von Fritz Lang zum ,Wolkenatlas!"
Der "Wolkenatlas", das ist der gerade abgedrehte Film von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern. 100 Millionen Euro Budget, der bislang teuerste deutsche Kinofilm - mal wieder ein Rekord für die an Superlativen nicht arme Geschichte dieses ältesten Großatelier-Filmstudios der Welt.
Vor 100 Jahren liefen dort die Kameras zum ersten Mal. Früh war von der "Traumfabrik" die Rede, doch war nicht vieles ganz real? Siegfried kämpfte sich in Babelsberg durchs deutsche Gehölz, Metropolis wuchs in die Höhe, Jud Süß wurde an den Pranger gestellt, jugoslawische Indianer ritten durch die Wüste, Paul und Paula verliebten sich ineinander, der Pianist streifte durchs Trümmerfeld.
Ein Jahrhundert Studiohistorie - doch gibt es keine stringente Linie, schon gar keine simple Erfolgsstory. Es ist eine Geschichte voller Verzückung und Verheerung, von Moderne und Nostalgie, von Kontinuität und Brüchen, auch eine von Macht und Ohnmacht der Bilder. Wie sollte es auch anders sein bei einer Chronologie, die noch im Kaiserreich beginnt, durch zwei Weltkriege führt, die Weimarer Republik, Nazi-Terror, DDR und wiedervereinigtes Deutschland umfasst.
Diese Geschichte beginnt, als es Filmpionieren in Berliner Dachgeschossateliers zu heiß wird: Wegen glühender Scheinwerfer und des leicht entflammbaren Filmmaterials suchen sie geeignete Orte vor den Toren Berlins. Eine ehemalige Kunstblumenfabrik in Babelsberg erscheint der Bioscop Filmgesellschaft geeignet: Ein Glasatelier entsteht (wegen des Lichts), am 12. Februar 1912 fällt die erste Klappe für den "Totentanz" mit Asta Nielsen.
Schnell wird expandiert, Land gekauft. Schon 1913 steht ein Zirkus und eine "Arabische Straße" als feste Dekoration. Doch im Ersten Weltkrieg geraten die Studios in die Krise, bald ist die Zeit der Filmmanufakturen abgelaufen. 1921 wird die große Universum Film (Ufa) Herrin des Studios - und sie will Herrin der Kinowelt werden.
Die Ufa: Der Name wird zum Gütesiegel, aber auch zum Symbol für Ambitionen, ja für Maßlosigkeiten wie "Die Nibelungen". Eine 1926 für Fritz Langs "Metropolis" gebaute Riesenhalle umfasst 7000 Quadratmeter; die Filmstadt, nun größtes Atelier Europas, verbraucht ein Drittel des Stroms von ganz Potsdam. Babelsberg unterhält sogar einen eigenen Filmtierpark: 40 verschiedene Rassekatzen und Wildeber Jonny, der in "Metropolis" mitspielt. Menschliche Stars sind mindestens ebenso zahlreich, Meisterwerke wie "Der letzte Mann" entstehen, aber auch Dutzendware.
Immer wieder schrammt Babelsberg am Konkurs entlang. 1929 lässt Lang für "Frau im Mond" eine Kraterlandschaft aufschütten, mit "Melodie des Herzens" folgt der Schritt zum Tonfilm, und ein junger Herr Wilder, der noch Billie statt Billy heißt, ist als Ghostwriter tätig - etwa bei "Emil und die Detektive", zu Erich Kästners Ärger.
Doch nicht nur Wilders Tage in Deutschland sind gezählt. Schon kurz nachdem die Nazis die Macht übernehmen, werden die vielen jüdischen Mitarbeiter entlassen. Die Ufa gehört schließlich schon seit 1927 dem deutschnationalen Unternehmer Alfred Hugenberg, später NS-Wirtschaftsminister. Joseph Goebbels, Hitlers Mann für Massenmanipulation, weiß um das Potenzial des bewegten Bilds: Im März 1933 fordert er die Überwindung einer angeblichen "geistigen Filmkrise". Babelsberg stößt in der NS-Zeit mehr als 1000 Filme aus, von Heiterem wie der "Feuerzangenbowle" bis zum Hetzwerk "Jud Süß". Eine Albtraumfabrik mit Zensur und Zwangsarbeitern. 1941 kommt die Farbe ins Spiel und übertüncht Durchhaltemachwerke wie "Kolberg"; 1945 rattern die Ufa-Kameras noch, als schon die nahende Rote Armee zu hören ist.
Die Russen besetzen zum Kriegsende das Areal, der legendäre Kostümfundus wird von Babelsbergern geplündert - das Studio hatte die besten Schneiderinnen und die besten Stoffe. Auch die Sowjets wissen um die Wirkung bewegter Bilder, Film gilt ihnen als "Mittel der Volkserziehung". So gestatten sie im Mai 1946 die Gründung der Defa, schon bald wird wieder gearbeitet. "Die Mörder sind unter uns" ist der erste Nachkriegsfilm: ein Trümmerwerk.
Die antifaschistische Defa will zwar mit dem Ufa-Erbe nichts zu tun haben, übernimmt aber gern Gebäude, Fachleute - und Erzählmuster. Ein Mix aus Unterhaltung und Propaganda lebt auf, dazu entstehen märchenhafte Millionenhits wie der "Kleine Muck". Ein starkes Stück wie "Spur der Steine" wird aber verboten. Bis 1990 entstehen 1200 DDR-Filme, das Ende des Staats bedeutet dann aber auch das Ende des Studios. Oder? 2300 Mitarbeiter stehen vor dem Ungewissen, das Defa-Sinfonieorchester etwa wird gleich komplett entlassen.
1992 verkauft die Treuhand den 43-Hektar-Komplex an französische Investoren. Die feste Belegschaft schrumpft gewaltig, aber in Auf- und Ausbau einer modernen Medienstadt werden Millionen gesteckt, enorme Subventionen fließen. Der Versuch, Studio Babelsberg wieder als eigenständigen Filmproduzenten zu etablieren, scheitert aber, trotz des Engagements von Volker Schlöndorff, Geschäftsführer von 1992 bis 1997. Zukunft hat das Geschäftsmodell: Dienstleistungen statt Eigenproduktionen.
Darauf setzen auch Carl Woebcken und Christoph Fisser, die 2004 die Studios erwerben und 2005 an die Börse gehen. Heute ist auch Hollywood häufiger zu Gast in Babelsberg, dank kompetenter Mitarbeiter, guter Infrastruktur (mit mehr als 120 eigenständigen Firmen), moderatem Lohnniveau - und der attraktiven deutschen Filmförderung. Aber großes Kino ist nicht alles, "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" sorgt ebenso für Umsatz.
Mythos und Tradition stellen zwar ein Kapital für Babelsberg dar, weiß Vorstandsvorsitzender Woebcken, aber das Geschäft - für 2011 wird Studio Babelsberg wohl rote Zahlen schreiben - läuft unsentimental: "Wenn man einen Film hierher bekommt, hat das mit harten Fakten und Geld zu tun." Wie es für Fabriken eben schon immer galt.
Auch Alfred Hitchcock war in Babelsberg tätig - als ihn noch keiner kannte. 1924/25 arbeitete er als Autor und Szenograph an "Die Prinzessin und der Geiger" und lernte auch Deutsch. Sein erster fehlerfreier Satz lautete: "Wo ist mein Hut?"
Internationale Aufmerksamkeit erregte Babelsberg schon früh. In den ersten Jahren des Tonfilms wurden dann mit deutschen, englischen und französischen Darstellern in der gleichen Dekoration Filme in mehreren Fassungen gedreht. Das Sprachengewirr ließ den Namen Babels-Berg in ganz anderer Bedeutung erscheinen.
Im Dritten Reich emigrierten und flohen viele Stars, Autoren und Regisseure vor den Nationalsozialisten ins Ausland, die meisten nach Hollywood: von Billy Wilder über Fritz Lang und Marlene Dietrich bis Friedrich Hollaender.
In der DDR-Zeit waren die internationalen Kontakte von Babelsberg aus naheliegenden Gründen limitiert - noch immer bemerkenswert sind aber die Defa-Western und vor allem die schönen Märchenfilme, die oft in Koproduktion mit der Tschechoslowakei entstanden.
Nach der Wiedervereinigung und dem schwierigen Aufbau neuer Strukturen wurde gegen Ende der 90er Jahre deutlich, dass Babelsberg auch als Standort für internationale Großproduktionen ins Spiel kommen musste. Jean-Jacques Annauds Kriegsepos "Duell - Enemy at the Gates" machte den Anfang. Der Film eröffnete 2001 sogar die Berlinale, fiel aber bei Publikum und Presse völlig durch. Ganz anders Roman Polanskis "Der Pianist" (2002): Der Film gewann die Goldene Palme in Cannes und drei Oscars - durch das damit erworbene Renomee wurden Hollywood & Co. wieder auf Babelsberg aufmerksam.
In den letzten Jahren entstanden dann internationale Großproduktionen wie "Die Bourne Verschwörung" (2004), "Flightplan", "V wie Vendetta (2005), "Speed Racer" (2007), "Operation Walküre" 2007), "The International (2008)" und "Der Ghostwriter" (2009) ganz oder zu großen Teilen in Babelsberg. Und natürlich die Oscar-Gewinner "Die Fälscher" (2007), "Der Vorleser" und "Inglourious Basterds" (2008).
Roland Emmerich drehte dort zuletzt "Anonymus" und ließ in Babelsberg dafür das Globe-Theatre nachbauen. 2012 kommen der Fantasystreifen "Hänsel & Gretel: Hexenjäger" und die ambitionierte Romanverfilmung "Der Wolkenatlas" mit Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon in die Kinos.
... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...