Seit 2000 leitet der gebürtige Pforzheimer Dieter Kosslick die Berlinale. Doch zuletzt wurde die Kritik an ihm persönlicher, ätzender. Das moderiert, argumentiert und lächelt der 63-Jährige allerdings gut weg.
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MAGDI ABOUL-KHEIR
Zu wenig Glamour? Sichtlich stolz präsentiert Berlinale-Chef Dieter Kosslick Angelina Jolie. Foto: Getty Images
Was für ein Coup. Da präsentierte am Wochenende Weltstar Angelina Jolie auf der Berlinale ihre erste Regiearbeit, die in der Hauptstadt versammelte Filmwelt drehte hohl. Dass kaum einer Jolies Balkan-Drama "In the Land of Blood and Honey" richtig gelungen fand, spielte kaum eine Rolle, dafür war ja Gatte Brad Pitt bei der Premiere dabei. Und gestern Abend wurde Jolie auf der "Cinema for peace"-Gala auch noch ausgezeichnet.
Aber gestern präsentierte in Berlin eben noch ein Anderer seinen neuesten Film: Billy Bob Thornton. Mit ihm hatte die Jolie in ihren Prä-Pitt-Tagen öffentlich eine "amour fou" inszeniert, mit wilden Sex-Anekdoten und Liebes-Tattoos, die heute entfernt sind. Längst pflegt die Oscar-Gewinnerin lieber ihr Image als sechsfache Mutter und couragierte Weltverbesserin - während von Thornton schon eine Weile wenig Bemerkenswertes zu berichten war. Doch sein Film "Jayne Mansfields Car", eine amerikanisch-englische Familiengeschichte, begeisterte das Publikum.
Das Boulevard-Bermudadreieck Jolie, Pitt und Thornton, dazu zwei Filme, über die gesprochen wird - da hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick gestern allen Grund zum Lachen. Dabei schaute der Lächler vom Dienst jüngst auch mal eher schmallippig drein, wenn er von einem zum nächsten seiner täglich 40 Termine hetzte. Kein Wunder, wenn man sich nur eine kleine Auswahl der Probleme und Fragen ansieht, mit denen ein Berlinale-Chef so konfrontiert wird. Warum ist Jolies Film nicht besser? Ist Bollywood-Star Shah Rukh Khan zu krank, um zu kommen? Warum gibt es keine Festival-Tasche mehr, sondern nur einen Beutel? Und, überhaupt, warum geht er nicht in Rente?
Seit elf Jahren leitet Kosslick die Berlinale, sein Vertrag wurde nun bis 2016 verlängert. Ob er jetzt in seinen letzten Amtsjahren nicht noch auf die Kacke hauen wolle, wurde er kürzlich gefragt. "Wenn die Kacke da ist, dann hauen wir drauf. Aber sie muss erst mal da sein."
An der Stelle ätzen Kosslick-Kritiker fast schon automatisch, an Kacke sei kein Mangel. Kosslick, in seinen ersten Berlinale-Jahren viel gelobt und geliebt, hat zuletzt reichlich persönliche Kritik einstecken müssen. Ein ganzseitiges Interview, das er jüngst der "Zeit" gab, las sich wie ein Tribunal.
Eine Auswahl der Vorwürfe: Kosslick lade zu viele Kompromisswerke ein, um sich internationale Stars zu sichern. Er zeige Filme mit brisanten Themen, aber von minderer Machart. Das Programm gehe mit Reihen wie "Kulinarisches Kino" in Richtung Spaßbad. Er sei ein Zirkusdirektor, Manager, Impresario, aber kein Cineast und Filmliebhaber.
Nun, fest steht, dass die Berlinale in den elf Kosslick-Jahren vor allem eins ist: gewachsen. Sie ist das größte jährlich wiederkehrende Kulturereignis in Deutschland. 400 Filme laufen an zehn Tagen. Unter Kosslick kamen zu den Sektionen Wettbewerb, Forum, Retrospektive und Panorama etwa "Perspektive Deutsches Kino", "Generation" für Kinder und Jugendliche, "Berlinale Shorts" und das "Berlinale Special" mit Galas im Friedrichsstadtpalast hinzu. Es gibt einen Campus zur Talentförderung und den "European Film Market" mit 700 Filmen.
Vor allem lebt die Stadt in diesen Tagen ihre Liebe zum Kino aus: Mit mehr als 300 000 verkauften Tickets ist es das größte Publikumsfilmfestival der Welt. Man kann fragen, wie stark die Berlinale in der Spitze - sprich: im Wettbewerb - ist, in der Breite ist sie allemal spitze.
Das sind Fakten, die Kosslick dabei helfen, über so manche Kritik zu lachen. Nicht lustig fand er freilich im Herbst das Gerücht, er wechsle in die Wirtschaft, denn das habe Sponsoren verunsichert. Nun, aber als Festivaldirektor sei er geübt im "Desaster-Beruf".
Hat Kosslick wirklich eine so dicke Haut? Man kann sich kaum vorstellen, wie der Job sonst zu bewältigen wäre, denn es gibt eigentlich kaum einen Vorwurf über sein Festivalprogramm, der ihm nicht gemacht wird. Und das Gegenteil wird ihm auch immer gleich dazu vorgehalten. Etwa: zu politisch - zu beliebig! Zu sperrig - zu populistisch! Zu viel Event - zu wenig Glamour!
Und, natürlich: zu wenig Stars! Nun, Meryl Streep, Sandra Bullock und Uma Thurman, Antonio Banderas und Shah Rukh Khan, Javier Bardem und Robert Pattinson schreiten in diesem Jahr über den Roten Teppich - von Jolie und Pitt gar nicht zu reden. Und zudem ist die Jury so namhaft und gewichtig besetzt wie schon lange nicht mehr.
Im Wettbewerb, dem Herzstück des Festivals, laufen 23 Filme. Die ersten Tage haben mal wieder nicht wirklich überzeugt. Meditatives Kino aus Griechenland über die Liebe zwischen einem Mönch und einer Nonne, Ballermann-Action über ein Entführungsdrama auf den Philippinen, ein Missbrauchs-Stück à la Kampbusch, das aber mit dem Fall Kampbusch nichts zu tun haben will. Immerhin präsentierte Christian Petzold mit "Barbara" ein sehr ansehnliches DDR-Stück. Doch gestern war dann ein richtig guter Wettbewerbs-Tag: mit Thorntons Film und dem Schweizer Jugenddrama "Lenfant den haut".
Dennoch werden unterm Strich mehr als vier, fünf richtig gute Wettbewerbs-Filme kaum übrig bleiben. Cannes und Venedig bieten oft mehr Hochkaräter. Warum? Zum einen mögen die Croisette im Mai oder der Lido im September einfach attraktiver sein als Berlin im Februar. Zum anderen leidet die Berlinale unter der Vorverlegung der Oscars: Dadurch scheidet das US-Qualitätskino schon im Vorfeld aus. So hätte Martin Scorseses Kinomagie-Märchen "Hugo" einen tollen Berlinale-Eröffnungsfilm abgegeben, aber es ist eben schon seit Dezember weltweit in den Kinos zu sehen.
Man sollte akzeptieren, dass Cannes die Nummer eins sei, findet Kosslick. Dort liefen zwar auch nicht nur Meisterwerke, aber in Berlin werfe man ihm halt persönlich vor, er hätte alle schlechten Filme "ganz allein zu Hause im Ofen gebacken". Kokettiert da einer mit der Kritik? Ein Filmfestival, sagt Kosslick, sei nun mal "eine großartige Möglichkeit, Fehler zu machen, und zwar täglich immer neue, sodass man gar nicht dazu kommt, aus den alten zu lernen".
... Großartiger und wichtiger Film, der nicht in amerikanischen Gut-Böse Klischees "funktioniert" sondern differenziert und sachlich, aber mit viel Herz auf das Elend an unseren Grenzen zu den unverblümten Sklavenregionen dieser Welt aufmerksam macht, wo jede Stunde Menschen ihr Leben lassen, ertrinken, verdursten ...