19.02.2010 Drucken Empfehlen
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Ein Propaganda-Machwerk wird seziert

Auf der Berlinale gab es Buhs für Oskar Roehlers Film "Jud Süß"

Oskar Roehler blickt mit seinem neuen Film hinter das berüchtigte Nazi-Propagandawerk "Jud Süß". Er will von der Tragödie des Hauptdarstellers erzählen - und langt daneben. Auf der Berlinale gabs dafür Buhs.

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MAGDI ABOUL-KHEIR
Artikelbild: Auf der Berlinale gab es Buhs für Oskar Roehlers Film "Jud Süß" Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) und Ferdinand Marian (Tobias Moretti).

"Tötet den Juden!", schreien hunderte junge deutsche Soldaten, die im Kino sitzen. Es ist 1943, sie sehen den Film "Jud Süß", und sie werden Dienst in Auschwitz tun. Mitten unten den Soldaten sitzt der Schauspieler Ferdinand Marian, der die Titelrolle in dem Propagandafilm spielt, und betrinkt sich verzweifelt.

Eine Szene aus Oskar Roehlers Film "Jud Süß - Film ohne Gewissen", die anfangs beklemmend wirkt. Doch Roehler inszeniert die Soldaten wie ein Zombie-Heer, die Kinovorführung wird zum hysterischen Akt. Mit diesem Erzählstil scheitert Roehler in seinem Bemühen, eine persönliche Tragödie vor dem Hintergrund schlimmster Geschichte zu zeigen. Und damit sorgte er gestern auf der Berlinale gleichermaßen für eine Enttäuschung wie für Diskussionsstoff.

Artikelbild: Auf der Berlinale gab es Buhs für Oskar Roehlers Film "Jud Süß" Kristina Söderbaum und Ferdinand Marian in Veit Harlans Hetzfilm von 1941.

Kann ein Film überhaupt ein Gewissen haben? Eher interessiert die Frage nach dem Gewissen des Filmemachers. Das gilt nicht der historischen Akkuratesse, sondern seiner Hauptfigur und ihren Konflikten. Roehler erzählt vom Österreicher Ferdinand Marian, den Joseph Goebbels in der Titelrolle von "Jud Süß" sehen will, weil er die passende "lächerliche Schmierigkeit" habe. Marian ist das Angebot ungeheuer. Doch Goebbels umgarnt ihn, setzt ihn unter Druck. Der ehrgeizige Marian gibt sich dem Selbstbetrug hin: Es sei doch eine "große Rolle", Goebbels will ja "einen künstlerischen Film machen, keine billige Propaganda".

"Sie werden einen Juden abliefern, der in die Geschichte eingehen wird", sagt "Jud Süß"-Regisseur Veit Harlan, damit wird er in übelster Weise recht behalten. 20 Millionen Menschen sehen den perfiden antisemitischen Film, "ein Rad im Getriebe des Holocaust", wie Roehler sagt. Marian muss erkennen, an welchem Teufelswerk er beteiligt war, und zerbricht.

Artikelbild: Auf der Berlinale gab es Buhs für Oskar Roehlers Film "Jud Süß" Moritz Bleibtreu als Goebbels.

Um Marian zu einem tragischen Helden zu machen, "verdichten" Drehbuchautor Klaus Richter und Roehler das überlieferte Geschehen. Man könnte auch sagen, sie dichten hinzu: Sie verpassen Marians Frau Anna eine jüdische Abstammung und lassen sie im KZ umkommen; sie verschweigen, dass Marian nach "Jud Süß" noch zehn Filme drehte; und sie machen aus seinem Unfalltod einen Suizid.

Der Hauptfigur wird also reichlich Tragik zugeschrieben - aber dann setzt Roehler auf eine Mischung aus Melodram, Groteske und Schmierenkomödie und gräbt sich damit selbst das Wasser ab. Es ist einem weder nach lachen noch nach weinen zumute, sondern nur nach wundern, stellenweise ärgern. Gut gelungen sind aber die Film-im-Film-Passagen, in die echte "Jud Süß"-Bilder integriert sind. Die Vorführung des Harlan-Films ist ja noch immer verboten.

Dem Regiestil entsprechend, wirft sich Tobias Moretti mit Verve in die Hauptrolle, Moritz Bleibtreu wagt es, seine Goebbels-Karikatur mit karnevalskem Übermut anzulegen. Auch die anderen Darstellergrößen üben sich nicht in Zurückhaltung, darunter Martina Gedeck als verzweifelnde Anna.

Man sollte Roehler, der seine Stoffe oft mit wunderbar sicherer Geschmacklosigkeit zwischen Gefühlsbombast und Trash, tiefem Elend und buntem Treiben bewältigt, den Mut zugute halten, auch aus diesem Stoff einen echten Roehler-Film machen zu wollen. Doch szenenweise entgleitet ihm der Streifen, entgleist sogar. Schade.

19.02.2010 - 08:30 Uhr | geändert: 18.05.2010 - 13:52 Uhr
Zuletzt Kommentiert

Schlechter Film: weder witzig, noch spannend, noch interessant.


Mary über Zettl

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