Schwabenstreich und Demo – Chronologie aus Tübinger Sicht
Stuttgart 21 war das beherrschende Thema des Jahres. Wer hätte im Frühjahr gedacht, dass das Bahnprojekt eine solche Sprengkraft entwickeln würde? Auch die Tübinger gingen auf die Barrikaden und diskutierten in Foren und Leserbriefen engagiert mit. Versuch einer Chronologie.
Tübingen. Oben bleiben oder unten bohren? Lange Zeit interessiert das Bahnprojekt Stuttgart 21 nur wenige. Das ist auch in Tübingen so. Doch mit Bekanntwerden des Gutachtens des Züricher Büros „SMA und Partner“ im Juli ändert sich das: Die Schweizer kritisieren die Baupläne von Bund, Land und Bahn und prophezeien erhebliche Kostensteigerungen. Die Menschen in der Region werden hellhörig.
Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann fordert Ende Juli einen Baustopp und ein Moratorium. Mitte August rufen Tübinger Gegner zum Schwabenstreich auf. Immer dienstags um 19 Uhr auf der Neckarbrücke wird es für eine Minute laut. Vorbild ist der montägliche Stuttgarter Schwabenstreich, zu dem unter anderem Volker Lösch – Regisseur mit Tübinger Bezug – aufruft. Zum zweiten Tübinger Schwabenstreich finden sich schon gut 100 Demonstranten ein. Der grüne Kreisrat und Verkehrsexperte Gerd Hickmann pfeift mit und sagt, S 21 sei ein „unsinniges Prestigeobjekt“, unter dem auch Tübingen leiden werde.
S 21: Tausende Demonstranten bei nächtlicher Baumfällaktion
Das sehen die Befürworter anders: Eugen Höschele, der Vorsitzende des Regionalverbands Neckar-Alb, erwartet von Stuttgart 21 einen Standortvorteil für die Region. Das Projekt sei gut und sinnvoll. Allerdings müsse jetzt die Elektrifizierung der Zollernalb- und Neckartalbahn kommen.
In Stuttgart steigen derweil die Montagsdemonstrationen – mit immer größerem Andrang. Das mobilisiert die Tübinger – viele machen mit, mancher hat noch nie zuvor demonstriert. Mit von der Partie ist auch Oberbürgermeister Boris Palmer: Ende August ist er Hauptredner bei der 40. Montagsdemonstration und ruft die Bürger zu weiterem Widerstand auf: „Wer die Leute für so dumm verkaufen will, darf sich nicht wundern, dass sie auf die Straße gehen.“ Palmers Engagement – auch während seiner Elternzeit in Brüssel – kommt nicht bei allen Tübingern gut an. Er solle sich lieber mehr um seine Heimatstadt kümmern, heißt es.
Ein anderer Tübinger erhält bundesweite Aufmerksamkeit: Der Geologe Jakob Sierig warnt vor Gefahren bei der Untertunnelung der Stuttgarter Innenstadt. Häuser könnten einstürzen, es gehe um Menschenleben, sagt er im „Stern“. Längst diskutieren Befürworter und Gegner im TAGBLATT auf der Leserbriefseite hitzig miteinander, die Zahl der Veranstaltungen zum Thema steigt stetig an.
Als am 30. September bei der Räumung des Stuttgarter Schlossgartens die Lage eskaliert, sind wiederum Tübinger betroffen. Manfred Grohe, der dort fürs TAGBLATT fotografiert, spricht von einem „ganz brutalen Einsatz“. Heike Hänsel, die hiesige Bundestagsabgeordnete der Linken, wird von einem Wasserwerfer erwischt. Zur großen Demo am Tag danach strömen Tausende nach Stuttgart – und wieder sind viele aus dem Kreis Tübingen dabei.
Anfang Oktober schlägt Ministerpräsident Stefan Mappus Heiner Geißler als Vermittler zwischen beiden Lagern vor. Boris Palmer spricht in der Schlichtungsrunde zum Verkehrskonzept und erntet bundesweit Beifall für seinen Auftritt. Fünf Wochen lang diskutieren die Experten in Stuttgart – beobachtet in Internet und Fernsehen. Beim TAGBLATT-Podium Ende Oktober wird ebenso heiß diskutiert: 500 Zuhörer zieht das Streitthema ins Sparkassen-Carré.
Anfang Dezember verkündet Geißler den Schlichterspruch: S 21 soll kommen, aber mit Nachbesserungen. Die Befürworter sind zufrieden, die Gegner enttäuscht. Ihr Protest geht weiter: Mit Demos in Stuttgart, bei denen nicht nur Boris Palmer anwesend ist, sondern auch viele andere Tübinger.