Studenten protestieren für bessere Studienbedingungen
Demonstrierende Studenten – das hatte es in Tübingen lange nicht gegeben. In diesem Jahr prägte ihre neue Protestbewegung das Bild der Universität.
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Ulrike Pfeil
Streik der Schüler/innen
Tübingen. Unzufriedenheit über die neuen, dreijährigen Bachelor-Studiengänge mit vollgepfropften Stundenplänen; Studiengebühren; übervolle Hörsäle und Seminare in manchen Massenfächern; dazu das Gefühl, dass die Studenten an Entscheidungen der Universität nicht angemessen beteiligt sind: Diese Motive trieben im Juni erstmals die Studierenden auf die Straße. Nach einer mehrstündigen Sitzblockade auf der Kreuzung am Lustnauer Tor gelang es dem Rektorat zwar, mit ein paar Zusagen die Proteste zu besänftigen. Doch im Wintersemester flackerten sie bundesweit in neuer Stärke auf – angefacht durch Hochschulbesetzungen in Österreich.
Wie in vielen anderen Uni-Städten wurde auch im Tübinger Kupferbau ein Hörsaal wochenlang von Studenten besetzt; Transparente verkündeten die Forderungen, Arbeitsgruppen entwickelten Reformvorschläge. Wenig Sympathie erwarb sich Rektor Bernd Engler, als er die Polizei zu Hilfe rief, um den besetzten Hörsaal für die Partynacht des Südwestrundfunks zu räumen.
Wenig später waren die Studierenden mit Schlafsäcken und Sofas zurück und organisierten, soldarisch unterstützt von zahlreichen Lehrenden, eine 78-stündige Nonstop-Vorlesung aus fast allen an der Uni vertretenen Wissensbereichen. Mit Anerkennung der meisten studentischen Ziele und der Zusage, dass Bachelor-Studiengänge auf vier Jahre verlängert und flexibilisiert werden, holte das Rektorat in Diskussionen mit Hörsaal-Besetzern (Bild rechts) verlorenes Vertrauen zurück, ehe die Streikenden sich in die Weihnachtsferien vertagten.
Protest formierte sich im Lauf des Jahres auch an anderer Stelle, gegen die ehrgeizigen Pläne der Universität für die Campus-Neugestaltung. Aufgeschreckt durch den möglichen Abriss gewachsener, zum Teil historischer Bausubstanz, gründete sich eine Bürgerinitiative. Deren erstes Ziel: die Mensa Wilhelmstraße, einen Qualitätsbau aus den 1960er Jahren, als Mensa zu erhalten und zu sanieren. Die Universität möchte dagegen an der Sigwartstraße eine neue Mensa bauen lassen; sie stellte zuletzt den Erhalt des bestehenden Mensagebäudes in Aussicht – mit offener neuer Zweckbestimmung.
Wissenschaftlich machten vor allem Tübinger Ausgrabungen Furore. In gleichzeitigen Landesausstellungen in Stuttgart („Eiszeit“ und „Qatna“) präsentierten gegen Ende des Jahres die Urgeschichtler ihre spektakulären Funde steinzeitlicher Kunst und die Altorientalisten ihre jüngst gehobenen Schätze aus einer Grabkammer der bronzezeitlichen Stadt Qatna im heutigen Syrien. Tübingen bekam dabei nach einiger Ungewissheit die Zusage, dass die „ältesten Kunstwerke der Menschheit“, Eiszeit-Venus, Mammut und Co., in der Stadt verbleiben sollen.
Prominentester Gastredner an der Universität war der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, der im Juni als Weltethos-Redner vor der Verfestigung von Feindbildern warnte. Eine andere Nobelpreisträgerin, Christiane Nüsslein-Volhard, wurde zusammen mit Wissenschaftsmanager Ernst-Ludwig Winnacker im Juli in den Universitätsrat berufen. Das Aufsichtsgremium erfährt nach neun Jahren einen ersten Stabwechsel: Auf den Vorsitzenden Tilman Todenhöfer (Bosch) folgt Wilhelm Rall (McKinsey).
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