Zwar wird nicht alles gut, was nur lange genug dauert. Doch gelegentlich kommt am Ende sogar dort etwas Gutes heraus, wo unterwegs das Gegenteil zu befürchten war. Für die zweite, die Hoffnung gebende Erfahrung steht die Mühlstraße in Tübingen.
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Eckhard Ströbel
Die neue Mühlstraße: Nur 200 Meter lang, aber giftig wie eine Schlangengrube. Luftbild: Manfred Grohe
Ihr Umbau beschäftigte im Sommer und Herbst neben Bauarbeiter, Ingenieure und Planer auch weite Teile des politisch interessierten Tübingens. Wie schon früher beobachtet, scheinen etliche Teilnehmer solcher öffentlichen Debatten schon mittelgroße lokale Probleme zu den größten aller denkbaren Skandale zu zählen. Entsprechend maßlos, bisweilen verletzend und oft unbeleckt von Sachkenntnis wurde verrissen und gerichtet. Unter der Chiffre Mühlstraße, so ist zu vermuten, wurden auch andere offene Rechnungen beglichen.
Vorbehalte gegen das Projekt gab es bereits vor Baubeginn: Die fünf Monate währende Straßensperrung richte ein heilloses Verkehrschaos an. Das Gegenteil ist eingetreten. Obgleich zwischen Graben- und Wilhelmstraße zusätzlich Löcher aufgerissen wurden, passierten die Berufspendlerströme die eingerichteten Umleitungen in der Weststadt und in Lustnau flüssig. Die Busse fuhren nicht unpünktlicher.
Fraglos holprig und stockend ließ sich der Umbau selber an. Das begann bei Leitungen und Kabelsträngen, die gar nicht, an anderer Stelle oder in geringerem Umfang unterm alten Pflaster erwartet worden waren. Und dann der unvermutet weit unter die Fahrbahn reichende Keller des Hauses Mühlstraße 1. Dass der angeblich in keinem Bestandsplan vermerkt war, ist unbegreiflich. Ein Rätsel wird wohl jener Messfehler bleiben, der die Fahrbahn dem Schulberg zu nahe und das Vorhaben vorübergehend zwei Wochen in Verzug brachte.
Geschenkt ist hingegen die Kritik an der Kostensteigerung, soweit sie sich auf die Stützmauer bezieht. Wo uralte Substanz saniert wird, kommen unangenehm teure Überraschungen keineswegs überraschend. Der Fehler war, das Unvorhergesehene nicht einzukalkulieren.
Zweierlei hat dann tatsächlich überrascht. Dass trotz technischen Missgeschicks – aus dem hoffentlich Lehren gezogen werden – der Termin gehalten wurde. Und dass der Umbau der Straße so gut bekam: In den Abend- und Nachstunden nehmen die beleuchteten beidseitigen Mauerbögen der Straße das unheilvolle Dunkle. Auch tagsüber ist die Straßenschlucht heller und weiter geworden. Jetzt sind nur noch die Fassaden der privaten Häuser zu renovieren.
In der „Mittwochspalte“ vor Weihnachten nannte der WUT-Stadtrat Jürgen Höritzer die neue Mühlstraße „ein gelungenes Weihnachtsgeschenk“ für den Einzelhandel. Die Straße sei „ein Hingucker“ geworden und locke „ungezählte, kauffreudige Menschen in die Innenstadt“.
Und was soll nun aus diesem unverhofften Schmuckstück werden? Der Facharzt und vormalige Stadtrat Dr. Uwe Heldmaier lotet seit etlichen Monaten auf einer Internetseite (www.basisdemokratie.info) die lokale öffentliche Meinung aus. Ob die Mühlstraße „vollständig für den Individualverkehr gesperrt“ werden soll, ist seit langem die am häufigsten beantwortete Frage. Das Ergebnis ist ebenso so lange klar und deutlich: Zwei Drittel aller Antwortenden sagen stets „ja, ich stimme zu“.
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